Gedanken zur Nachhaltigkeit kommen mir… im Blumenladen, wenn potentielle Käufer voller Freude an den Rosen riechen, ganz nah bis die Nasenspitze die Blüte berührt und ganz tief einatmen…

Ich rieche nicht mehr an konventionell angebauten Blumen.
Es war im Winter 2023 und ich hatte Corona, war einige Tage auf Abstand mit meiner Familie und schaute diese Doku über den globalen Schnittblumenanbau. Mir war ja garnicht bewusst, was für verheerende Umweltauswirkungen unser kleiner-zarter Wunsch nach ein bisschen Stück Natur hat, wenn wir einen Blumenstrauß kaufen.
Jede einzelne Rose braucht im Durchschnitt ca. 4 Liter Wasser im konventionellen Anbau bis sie bei uns auf dem Esstisch steht. Sie hat einen langen Weg zurückzulegen, Rosen werden importiert aus Billiglohnländern, ein Großteil kommt aus Afrika. Für ein bisschen Vasenglück, das vielleicht 7 Tage anhält, werden sie mit zahlreichen Pestiziden behandelt und mit Fungiziden für den Transport klar gemacht. Per Flugzeug werden sie einmal über den gesamten Globus geschickt, in die Niederlande, die der größte Marktplatz für Schnittblumen in Europa sind.
Hier geht es zu wie an der Börse, der weltweite Blumenhandel ist ein knallhartes Geschäft. Von dort werden sie weiter an die Großhändler in den einzelnen europäischen Ländern verschickt… da sind schon ein paar Tage Blumenleben ohne Erde oder Sonnenlicht vergangen, und ein paar Stationen mit Händlern und Unterhändlern haben sie auch schon passiert.
Und die CO2-Bilanz? Miserabel.
Und die Arbeitsbedingungen in den Anbauländern? Frag nicht!
Ich denke oft an die Menschen, die dort in den armen Ländern unter Wasserknappheit leiden, die angewiesen sind, auf ihren schlecht bezahlten Job auf der Blumenplantage, die oft nicht ausreichend aufgeklärt, ungeschützt den Pestiziden ausgesetzt sind. Bei Untersuchungen hat man 30 verschiedene Pestizide auf einem Blumenstrauß gefunden (einige davon sind mit gutem Grund in der EU verboten). Nicht nur die Pestizidbelastung auf den Blumen, sondern auch der Eintrag in die Umwelt vor Ort, ist eine Umweltsünde, die wir sehenden Auges in Kauf nehmen. Es ist so ungeheuerlich, dass gerade in den Ländern mit extremer Wasserknappheit für uns Schnittblumen mit Milliarden Litern Frischwasser angebaut werden.
Die Not der Menschen kaufen wir mit, wenn wir konventionelle Blumen auf unserem Esstisch haben möchten.
Und was ist mit unseren Florist:innen, die tagtäglich mit den belasteten Blumen hantieren? Das Perfide ist: Eigentlich entsteht der Berufswunsch zum Florist/zur Floristin durch die Verbundenheit zur Natur, sie erkennen die Ästhetik der Pflanzen und spielen mit Form und Farben, einige sind wahre Künstler:innen. Mit ihren Werken drücken sie ihre Liebe zur Natur aus und möchten eigentlich das alles nicht. Eigentlich… aber sie fühlen sich machtlos.
Ein Umdenken kommt so langsam in die Branche und ich bin zuversichtlich: Je mehr Menschen davon erfahren und sich der Auswirkungen bewusst werden, desto drängender werden umweltverträgliche Mittel und Wege gefunden.
Ich war – wie wahrscheinlich jede:r, der diese Doku gesehen hat, entrüstet. So bin ich auf die Slowflowerbewegung gestoßen – ein Wendepunkt und Hoffnung. Es ist mittlerweile eine weltweite Bewegung, in Deutschland hat sich 2019 dazu ein Verein gegründet mit der Vision, den Schnittblumenanbau regional, saisonal und nachhaltig zu gestalten und der Verein wächst und wächst.
Ich wurde Fördermitglied, weil ich das alles sehr unterstützenswert finde.. doch einmal in Kontakt mit all den blumenbegeisterten Menschen war ich selbst infiziert. Ich wollte mir und allen beweisen, dass der Schnittblumenanbau auch bei uns vor Ort gelingen kann, also fing ich an, alles zur Anzucht und Pflege der einzelnen Sorten, vom Saatgut bis zur Ernte, zu lernen.

Jedes Wissen zu den Bedürfnissen der Pflanzen habe ich regelrecht aufgesogen und es entstanden viele neue Beete in unserem Garten… sehr zum Leidwesen meines Mannes, der als hauptamtlicher Rasenmäher nun die neuen Beete zu umschiffen hatte. Viele der Pflanzen gab es zuvor nicht in unserem Garten: Ranunkeln, Dahlien, Rosen, Strandflieder, Kornblumen, Levkojen, Lysianthus, Löwenmäulchen, Kosmeen, Sonnenblumen, verschiedene Gräser und Chrysanthemen.

Das erste Jahr war faszinierend: Alles wuchs prächtig, jede gesäte Sorte kam zur Blüte! Der nachhaltige Schnittblumenanbau ist also möglich, konnte ich mir bestätigen… aber was ich außerdem gelernt habe: Blumen machen glücklich!
Ich hätte nicht gedacht, dass ich das wirklich schaffe und dass es so leicht war und mir so viel Freude bereitet. Es war wie ein Zauber… ich weiß auch nicht genau, was das war, aber die Blumen waren Lehrmeister und Motivation zugleich. Es gibt nichts Schöneres, als durch den Garten zu streifen, staunend über die Fülle an Formen und Farben, die Natur zu spüren, zu sehen, wie wertvoll die Pflanzen für die Bestäuberinsekten sind, das alles zu begreifen als einen riesigen Kosmos, das Werden und Wachsen und Vergehen und dankbar für all das zu sein.
Mich macht das glücklich! Euch auch?



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